“TonArzt” – Musik und Medizin

Sich zu schützen vor den Belastungen des Lebens, sich gesund zu halten und dabei eine Eigenverantwortung zu übernehmen: Dafür hat die Ärztekammer Westfalen-Lippe und der Klavierlehrer in Münster Jürgen Bleibel in Münster eine Lanze gebrochen. Probates Mittel ist in den Augen der Mediziner und des Pianisten die Musik.

„Die Wissenschaft ist nicht die einzige Möglichkeit, Lösungen für ein medizinisches Problem zu suchen.”

 

Ob in der Psychotherapie, bei Migräne, zur Förderung der Konzentrationsfähigkeit bei Kindern oder auch zur begleitenden Behandlung von Herz-Rhythmusstörungen: „Musik darf da nicht fehlen”, sagte Kammerpräsident Dr. Theodor Windhorst. Melodie und Rhythmus als Heilmittel, ja als Medikament zu nutzen – das ist Inhalt eines neuen Projekts der Ärztekammer mit dem Titel „TonArzt. Der Abend aus musikalischen Beiträgen und Referaten sollte als  Gesprächsforum für interessierte Bürger und Ärzte dienen. Der münstersche Pianist und Klarinettist ist mit seinen Ideen zum Projekt selbst an die Ärztekammer herangetreten und plädiert für mehr Menschlichkeit in der Medizin. „Die Wissenschaft ist nicht die einzige Möglichkeit, Lösungen für ein medizinisches Problem zu suchen”, ist sich Bleibel sicher. Er selbst hat an Schülern beobachtet, wie sehr sich das Hören von Musik und das Spielen eines Instruments auf das Wohlbefinden niederschlagen. Eine Haltung, die auch von Prof. Erwin-Josef Speckmann unterstützt wird. 19 Jahre war Speckmann als Hirnforscher und Professor für Neurophysiologie an der münsterschen Wilhelms-Universtät tätig. Wie Kunst, und im Speziellen Musik, im Gehirn verarbeitet wird, das hat er nun zum Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit an der Kunstakademie Münster gemacht. Ebenfalls ein Verfechter des Konzepts „Musik-Medizin” ist der Änästhesiologe Prof. Ralph Spintge, der Musik mit Schulmedizin – etwa in der Schmerztherapie kombiniert.

Bach-Klänge statt Spritze

tonarzt-2010-051 Ärzte wollen die heilsame Wirkung von Musik häufiger therapeutisch einsetzen. Bislang komme Singen, Musizieren oder Musikhören häufig nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall zum Einsatz, berichteten Initiatoren des Projekts „Musik und Medizin”, darunter die Ärztekammer Westfalen-Lippe. Musik könne aber noch viel mehr: So könnten schnelle Rhythmen bei niedrigem Blutdruck hilfreich sein, die Brandenburgische Konzerte von Bach bei hohem Blutdruck oder Unruhe, sogar schon bei den Kleinsten. Ärzte wollen häufiger Musik verschreiben Ärzte könnten aber auf Jahrtausende altes Wissen zurückgreifen, um das Gehirn und damit den ganzen Körper mit Rhythmik und Melodie zu beeinflussen, sagte der Neurophysiologe Prof. Erwin-Josef Speckmann. „Es gibt eine  Gruppe von Medikamenten mit der Aufschrift „Musik”. Schnelle Rhythmen seien zum Beispiel hilfreich bei niedrigem Blutdruck, erläuterte Speckmann. Diese sogenannte Hypotonie sei mit der klassischen Medikamentenmedizin nur schwer zu behandeln. Musik könne da viel besser helfen. Denn: „Das Gehirn bestimmt, wie hoch der Blutdruck ist”, wie der Neuromediziner betonte. Auch bei anderen chronischen Krankheiten sei der Effekt von Gesang und Noten spürbar. „Es ist nicht so, dass wir sagen: „Macht Musik und alles ist gut”", betonte Kammerpräsident Theodor Windhorst.  In den Wartezimmern und Operationssälen sei jetzt auch keinesfalls eine nervige Dauer-Berieselung wie im Supermarkt geplant. „Aber wir müssen mehr Musik in unseren Alltag bringen.” Die Wirkung auf die Neuro-Transmitter gehöre bereits zum Lehrstoff, werde aber viel zu sehr  vernachlässigt. „Wir haben bisher keine Fachrichtung, die auf die Balance der Seele zielt außer die Psychiatrie und Psychotherapie”,  so Dr. Windhorst.